Erinnerungen an die Gefangenschaft 28.08.1944 – 28.03.1948

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Bearbeitet von Wilfried Rosenkranz

erinnerungen_gefangenschaft_2Anfang August 1944 bekam ich die letzte Feldpost. Dann begann für mich eine lange Gefangenschaft. Nach der Kapitulation mussten wir ca. 5 km durch Marseille in die Gefangenschaft marschieren, wir wurden bespuckt und beschimpft. Nach und nach füllte sich das Notlager, meistens dachoffene Lagerhallen.

Trotz großer Hitze gab es nur eine Trinkwasserstelle, (nur Stundenweise) keine Waschstellen und kein Klo. Eine Grube wurde erst von den Gefangenen ausgehoben, obendrauf dicke „Donnerbalken“. Die nackten Ärsche waren weithin sichtbar. Die Franzosen hatten kaum Essen, Hunger und Durst waren Thema Nummer eins, geschlafen wurde auf Beton bei sehr kalten Nächten, ja der Hass war sehr groß!

Übrigens durfte nachts keiner raus zum Urinieren, „Lebensgefahr“. Es gab in der Halle einen großen Bottich,  der dann morgens, auch mit Exkrementen entleert wurde. Als die englische Luftwaffe ca. zwei Dutzend Arbeitskräfte suchten, haben wir sechs Maate von unserem Boot uns gemeldet, obwohl Dienstgrade wie Maate lt. Genfer Konvention nicht arbeiten brauchten. Per LKW mit Bewachung ging es zu einem alten, großen Schloss an der Küste von Marseille. Hier hatten die Deutschen viel zerstört, auch die Elektrik. Der Maschinenmaat, war gelernter Elektriker und ich habe mich auch als Elektriker gemeldet. Es gab genug zu essen, trinken und zu rauchen. Ausgemustertes, aber noch gutes Weißbrot nahmen wir abends mit ins Lager, z.T. wurde es uns von den Franzosen wieder abgenommen. Nach ca. sechs Wochen wurden 18 Gefangene fest auf dem Schloss übernommen. Neben (Auto) Schlossern, Schreinern, Maurer, Köche war ich als Elektriker dabei. Wir fühlten uns wie im siebten Himmel! Jeder bekam einen Blaumann, Unterwäsche, Kernseife, Rasierklingen etc. – wir hatten ja kaum noch was. Mal wieder richtig schlafen konnten wir in den von den Deutschen hinterlassenen Schlafkojen auf dem verschlossenen Schlossboden. Außer Sonntags arbeiteten wir, bei guter Verpflegung, acht bis zehn Stunden täglich. Wir waren uns einig; es wird nicht geklaut, dass wussten die Engländer zu schätzen! Viel Holz hauen war die Arbeit der noch vier Mann vom Boot. Nachdem die Elektrik wieder in Ordnung war, wurde ich für acht Sergeanten als „Buttler“ angestellt. Von morgens bis abends: servieren, Geschirr spülen, Schlafräume putzen, Wäsche- und Uniformpflege, ich hatte einen „Traumjob“! Wir konnten die Essensreste auch nicht alle verzehren und mit den vielen Zigaretten konnten wir die übrigen Gefangenen mit versorgen, wir lebten fast wie Gott in Frankreich.

Alle sechs Wochen war auf dem Schloss ein Tanz- und Saufabend, da war ich  als Barkeeper arrangiert. Hätte ich das „Spendierte“ alles getrunken, wäre ich nach einer Stunde „Voll“ gewesen.


erinnerungen_gefangenschaft_1Eine Lagerband aus sechs Berufsmusikern wurde geholt und erst am nächsten Morgen wieder ins Lager gebracht. Tanzdamen, vorwiegend leichte Mädchen, tauchten natürlich auch auf, verschwanden oft heimlich auf die Zimmer!        Wer denkt da Schlechtes?

Unsere Einheit wurde im November 1946 wieder nach England verlegt, es endete eine  unglaubliche Zeit. An der Verpflegung hatte sich kaum etwas verändert, wer nicht klaute musste hungern. Für 15 Mann gab es ein Brot, wöchentlich je einen Esslöffel mit Margarine und Zucker. Vier bis  sechs  Wochen lang einen halben Liter Erbsen- Kartoffeln- oder Gemüsesuppe. Abends dann Pottage le Güme (Gemüsesuppe) mit zwei drittel Wasser

„Fußlappengemüse“ und Schwarzwurzeln. Wir wohnten inzwischen in selbst erbauten Holzbaracken. In alle Winde zerstreut waren wir sechs Maate. Nur Berthold und ich waren noch zusammen. Ein neuer Job, Fehlanzeige. Wir beide kamen zu einer französischen Nachschubstelle für die Kolonien, mit Lagerverpflegung und kampierten in einem Außenlager, Bude mit Holzbett und Strohsack. Unten, parterre waren immer zwei schwarze Wachsoldaten, arme Kerle! Wir waren gut im Zeug und die anderen hatten zusätzlich Brot und ausgelassenes Tierfett. Die Abend-Gemüsesuppe wurde kaum noch beachtet. In einem großen Nebenraum wohnte eine Großmutter, italienischen Ursprungs, mit drei Katzen und einer kleinen Rente. Beim ersten Anblick wähnte ich mich bei der Hexe von Hänsel und Gretel. Sie war klein, spindeldürr, hatte schwarzes Haar und eine Hakennase. Besonders mich taxierte sie, war da etwas zu holen? Ich hatte für Notfälle in meine Schuhe zwei a 500 Franc-scheine einbauen lassen. Das Versteck überstand eine intensive Filzung. Die Reserve wurde ausgebaut und „Grandmere“ besorgte uns französisches Brot. Bei der Arbeit im Hauptlager in der Stadt wurde, wenn die Luft sauber war, geklaut. Ich war wieder Bürokrat, Beispiel: Es trafen große Mengen an Autoreifen nebst Schläuchen ein, zur Aufteilung in die Kolonien. Das mit Abstand meiste Material ging nach Hanoi und Saigon. Alle Reifen wurden mit weißer Farbe beschriftet und 10stückweise gelagert. Die Schläuche wurden in von Schreinern hergestellten Kisten verpackt. Obwohl auch die Franzosen selbst viel klauten, trauten wir uns nicht an die Reifen, aber an die Schläuche. Ein Brett wurde mit blinden Nägeln versehen, äußerlich nicht sichtbar. Beim Wiegen wurden gleich zehn Kg abgezogen. War die Luft sauber, kein Franzose da, Brett aus der Kiste hochgezogen, Hose runter, Schlauch um Bauch, Hose wieder hoch, weiter gearbeitet. Bei Grandmere war am nächsten Tag „Teppichhandel“, ich bekam um 200 Franc und französisches Brot, wobei sie doppelt  verdiente. Trotz Verdacht sind wir nie geschnappt worden, es blieb aber auch im Rahmen. Auch Schuhe kamen, zuerst nur die Linken, dann sechs Wochen später die Rechten. Ja so war das bei der

Grande Nation.


erinnerungen_gefangenschaft_2Sondereinsatz! An einem Sonntag wurden wir mit vier Gefangenen, nebst Fahrer von Herrn Oberst mit einem Pkw und einem kleinen Lkw mit vier leeren Benzinfässern abgeholt, um zu einem großen Sportgelände zu fahren. Dort hatte der Ami ca. 5000 Jeeps, gut gefüllt mit Benzin einfach stehen gelassen. Sie sollten größtenteils nach Indochina. Bewachung keine Franzosen , sondern bewaffnete Araber. Herr Oberst hatte nun seinen Auftritt, er wies uns an, aus den Jeeps mit Hilfe eines kurzen Mundschlauches (Heberwirkung) die leeren Fässer zu füllen. Somit hatte er für seine Fahrten genug Benzin und wir bekamen eine Sonderration zusätzlich mit Rotwein!

Ende 1947 kam es zu den ersten Entlassungen, ich war in der zweiten Hälfte März 1948 dran. Beim Abschied vergoss Großmutter bittere Tränen. Die Rückfahrt war mit Güterwaggongs (mit jeweils einer Wache – warum wohl noch?) ab Marseille, Baden-Baden, Bremen und dann mit englischem Lkw und deutschem Fahrer bis nach Olsberg, Lohn des Fahrers, ein Päckchen Tabak.

Ich war ohne Voranmeldung wieder zu Hause, mein offizieller Entlassungstag ist der 28.03.1948. Bruder Heinz war schon seit 1946 wieder zu Hause. Wir hatten uns sieben Jahre nicht mehr gesehen. Ab Anfang Mai hatte ich dann wieder meinen Job bei der Firma Oventrop!

Abschließend sei noch erwähnt, dass ich mit Karl  Göddeke, der als Soldat einige Zeit auf der Insel Jersey war, Ende der 70er/ Anfang der 80er Jahre mehrmals mit unseren Familien auf Jersey herrliche Urlaube verbracht habe.

Dabei sind wir immer freundlich und ohne Vorbehalte aufgenommen worden. Auf beiden Inseln haben die Deutschen während der Besatzung Bunker und Panzermauern „für die Ewigkeit“ gebaut.

Diesen Bericht habe ich etwa in der Zeit vom 24.06.2011 – 29.06.2011 verfasst, bin an diesem Tag stolze 89 Jahre alt geworden, inzwischen 90 Jahre!

Ein herzliches „Danke“ sage ich Dir lieber Viktor dafür, dass ich Deine Aufzeichnungen, in Absprache mit Dir, kürzen durfte, ohne dass Wesentliches verloren ging. Ich halte es für sehr wichtig, dass solche Erlebnisberichte für die „Jüngeren“ erhalten bleiben. Sie sind eine Dokumentation „Wie es gewesen ist“, in der Kriegs- und Nachkriegszeit,  meint Wilfried Rosenkranz.

 

Quellennachweis:

Erinnerungen, Text und Bilder von Viktor Gossmann

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